Die Wahrheit wird euch freimachen.(Johannes 8:32)
Der Kontext der verschiedenen Schriftstellen über Homosexualität ist wichtig und wir müssen ihn verstehen um die Schriftstellen verstehen zu können. Wenn wir die Bedeutung eines Verbots verstehen wollen, müssen wir erstmal verstehen gegen was der Autor war als er das Verbot formulierte. Viele Kommentare geben nicht die Hintergrundsinformation über das kulturelle Umfeld und über die Beweggründe des Autors. Die folgenden Notizen wurden beim Lesen von Robin Scroggs "The New Testament and homosexuality : contextual background for contemporary debate" gemacht.
Wir müssen biblischen Kommentar über Homosexualität in dem Kontext der griechisch-römischen Kultur sehen, denn die biblischen Texte sind Antworten auf diese Kultur. Wir können biblische Aussagen nicht einfach aus der griechisch-römischen Kultur in unsere Kultur hinein versetzen. Erst müssen wir wissen warum die Autoren gegen Homosexualität waren, bevor wir ihre Argumente in moderne Situationen gebraucht werden können.
Unter Auslegern gibt es verschiedene Ansichten über was die Bibel über Homosexualität sagt:
Wenn man sich dem Kontext in dem die Texte der Bibel geschrieben wurden, bewusst ist, fällt es einfacher die wahre Interpretation der Bibel zu finden.
Was nun folgt ist eine kurze Zusammenfassung über Homosexualität in der griechisch-römischen Kultur, der Kultur, in der das Neue Testament geschrieben wurde.
Die griechische Kultur war männlich orientiert und männlich dominiert. Frauen waren für den Haushalt zuständig, die Männer für das öffentliche Leben. Darum kann Scroggs sagen: "The intellectual and, indeed, affective partner to a male was another male." Der männliche Körper war das Schönheitsideal und dieses Ideal beeinflußte die Erotik der Griechen. Die griechisch-römische homosexuelle Kultur hatte also einen völlig anderen Hintergrund als moderne Homosexualität.
Die Griechen der oberen Klassen praktizierten "Päderastie", die Liebe von Knaben. Außer Päderastie gab es auch schwulen Sex mit Sklaven und männlichen Prostituierten. Sex mit Sklaven war eine erzwungene Lustbefriedigung. Viele der jugendlichen Sklaven wurden kastriert um ihre Jugendlichkeit so lange wie möglich zu bewahren. Prostituierte verkauften sich selbst. Um lange jung zu erscheinen gebrauchten sie viel Kosmetik und trugen manchmal Frauenkleidung. Aber die allgemeinste Form der Homosexualität war Päderastie.
In einer päderastischen Beziehung gab es einen aktiven (ein erwachsener Mann) und einen passiven (ein Teenager) Partner. Sobald der Knabe erwachsen wurde, war die Beziehung zum älteren Mann vorbei. In dieser Beziehung gab es keine Gleichheit und keine Gemeinschaft. Der ältere Partner bestimmte das Geschehen und nur der aktive Partner hatte sexuelle Befriedigung. Es handelte sich nicht um liebende und hingegebene Beziehungen. Es gab keine Beständigkeit in der Beziehung. Es war eine Beziehung die den passiven Partner demütigte.
Wie beurteilten die Griechen und Römer Päderastie? Ihre Urteile beeinflußten auch die Urteile, die in der Bibel getan wurden.
Es gab Argumente für Päderastie:
Sklaven und Prostituierte waren nicht in diesen Argumenten eingeschlossen. Die negativen Aspekte ihrer Situation, z.B. Entmenschlichung und Zerstörung, kamen nicht in Frage.
Argumente gegen Päderastie:
Wir müssen auch die neutestamentlichen Bibelstellen im Kontext des Judaismus sehen. Dazu müssen wir einen Unterschied zwischen palestinensischen und hellenistischen Judaismus machen. Beide sind auf der Torah fundiert, aber interpretieren diese unterschiedlich, da die kulturellen Hintergründe unterschiedlich sind.
Aber zuerst, was sagt die Torah selbst?
Nichts wird über lesbische Beziehungen gesagt und sehr wenig über schwule Sexualität. Es geht in den Versen über homosexuelle Handlungen um Kultprostitution oder um Vergewaltigung. Nur in 3 Mose 18 und 20 sind Verse aus der Rechtsliteratur über Homosexualität.
Für die Rabbiner der palästinensisch-jüdischen Kultur war Homosexualität kein Teil der jüdischen Kultur, sondern der griechischen Kultur. Alle Diskussionen gingen nur um sexuelle Handlungen, niemals um Beziehungen zwischen Menschen. Die Verse der Torah wurden als Kultprostitution und homosexuelle Vergewaltigung ausgelegt. 3 Mose ging, nach den Rabbiner, nur um den aktiven Partner.
Die Kultur des hellenistischen Judaismus war der Kultur der ersten christlichen Gemeinden am ähnlichsten. Die Mehrheit der neutestamentlichen Schriften wurden von hellenistischen Juden geschrieben. Die Verse in der Torah über Homosexualität wurden als Kultprostitution, Päderastie und Vergewaltigung interpretiert. Päderastie wurde als eine nicht-jüdische Sünde gesehen. Sexuelle Kriminalität und Götzendienst wurden eng verbunden. In der jüdischen Kultur war es auch sehr wichtig dass männliche Natur nicht mit weiblicher Natur vermischt wurde (indem z.B. eine Frau Männerkleidung trug). Und schwuler und lesbischer Sex wurde auch verurteilt, weil er nicht zur Fortpflanzung führte.
Beide, der palästinensisch sowie der hellenistische Judaismus zeigten allerdings sehr wenig Interesse an dem Thema.
Scroggs kommt nach seiner Auslegung der verschiedenen neutestamentlichen Schriften über Homosexualität (siehe spätere Kapitel) zu folgendem Schluss:
Kein neutestamentlicher Autor sah die Angelegenheit als so wichtig um mehr als einen Satz darüber zu schreiben. Lesben bekommen noch weniger Kommentar.
Biblische Aussagen müssen zuerst in der konkreten Situation, in der sie gemacht wurden gesehen werden. Die Möglichkeit, dass sie in der modernen Welt eine Bedeutung haben könnten, hängt von zwei Faktoren ab:
Nur dann sind die Aussagen für uns heute relevant.
Die Form von Homosexualität, die in der Bibel beschrieben wird, stimmt nicht mit den Formen, die moderne Homosexualität annimmt, überein. Darum kann die Bibel nicht als Kommentar über moderne Homosexualität gebraucht werden.
Das Neue Testament hat sich gegen die Päderastie der griechisch-römischen Kultur ausgesprochen, und dort hauptsächlich gegen die schmutzigen Aspekte dieser Praktiken. Es ging nicht um eine Beziehung zwischen christlichen Schwulen oder Lesben, die sich für eine hingegebene, gegenseitige Beziehung zwischen zwei Erwachsenen ausspricht.
The fact remains, however, that the basic model in today's Christian homosexual community is so different from the model attacked in the New Testament that the criteria of reasonable simularity of context is not met. The conclusion I have to draw seems inevitable: Biblical judgments against homosexuality are not relevant in today's debate. They should no longer be used in denominational discussions about homosexuality, should in no way be a weapon to justify refusal of ordination, not because the Bible is not authoritative, but simply because it does not address the issues involved.
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© Anette Seiler - 22. Mai 1998Hosted by Lesbische und Schwule Basiskirche Basel